Endlich ich!
Kennen Sie das? Dieses Gefühl, nicht man selbst zu sein? Nicht so, wie man sich eigentlich wirklich ganz tief drinnen fühlt? Wenn ich früher in einen Spiegel sah, dann erblickte ich stets zwei Menschen darin: im Vordergrund stand eine völlig aus der Form geratene Frau, die mich unglücklich ansah. Wenn ich diesem Blick standhielt, kam dahinter eine andere Person zum Vorschein. Sie war schlank, bildhübsch und strahlte mich selbstbewusst an. „Sie“ war mein eigentliches „Ich“. Ich fühlte instinktiv, dass ich mein schlankes Selbst irgendwie aus diesem fleischgewordenen Gefängnis befreien musste.
Zu lange schon hatte ich unter den abwertenden Blicken meiner Mitmenschen gelitten. Ich hörte regelrecht ihre Stoßgebete in den öffentlichen Verkehrsmitteln: „Wenn es einen Gott gibt, dann lass sich diese 130 kg nicht ausgerechnet neben mich setzen!“
Und wer bitte wäre nicht hellauf begeistert, wenn er die Stewardess klammheimlich um eine Sitzgurtverlängerung bittet und sie diese dann über mehrere Passagierreihen nach hinten durchreichen lässt. Heutzutage wäre ich, wegen Erregung der öffentlichen Aufmerksamkeit, damit wohl als Handyvideo bei „youtube“ ein Renner.
Dazu hat man es als Schwergewicht meist ohnehin 'schwerer' bei der Partnersuche. Also versucht „Frau“ händeringend, doch wenigstens etwas modisch angehauchtes zu ergattern.
Diese Mission wird dann oft von weltfremden Designern vereitelt, die sich nicht vorstellen können, dass eine Dame mittleren Alters nicht wirklich kleine Teddybärchen auf ihrem Pullover haben möchte und ihre Blusen auch nicht auch gleichzeitig als Kleid tragbar sein müssen.
Und bitte, vergessen wir dabei auch nicht, uns daran zu erinnern, wie vertraut einem die regelmäßige Atemnot wird, sobald man einige Treppenstufen erklommen hat.
Ja, meine gesundheitlichen Beschwerden standen denen einer Siebzigjährigen in nichts nach.
Kurz gesagt: ich existierte, ich funktionierte, aber so etwas wie Lebensfreude und echte Glücksgefühle schienen mir unerreichbar fern. Ich litt entsetzlich unter meiner negativen Außenwirkung und dies verstärkte mein ohnehin geringes Selbstwertgefühl fatal.
Erst im Alter von 38 Jahren erkannte ich durch ein Seminar, dass ich zuerst die geistigen Ursachen meiner Esssucht erkennen und bearbeiten musste. Nachdem ich meine Seele durch einen Heilungsprozess führte, konnte ich endlich dauerhaft meine überflüssigen Pfunde loslassen, welche mir bis dahin auch als eine Art „Schutzmauer“ gedient hatten.
Aufmerksamkeit errege ich nach wie vor, aber heute begegnen mir die Menschen offen und freundlich. Man(n) hält mir die Türen auf oder startet kleine Flirtversuche. In Modeboutiquen durchströmen mich immer wieder Glückshormone, wenn ich locker in Kleidergröße „M“ hinein passe.
Heute sehe ich gerne in den Spiegel. Endlich lacht mich die Person an, die ich innerlich schon immer war…
Ich bin – „Endlich ich!“